Eine Kutschfahrt nach Teplitz
- Was sehen wir?
Was sehen wir?
Das Gemälde zeigt eine leicht hügelige Schneelandschaft, in der sich eine Tannengruppe vor einer weißgrauen Nebelwand erheben. Davor befinden sich einige Felsbrocken. Ein Greis hat seine Krücken von sich geworfen und sich niedergelassen. Er erhebt Antlitz und Hände betend zu einem Kruzifix empor. Im Hintergrund dämmert ein gotischer Dom. Er steigt wie eine Vision aus dem dichten Nebel in die Abendröte des Himmels empor.
Caspar David Friedrich hat die „Winterlandschaft“ 1811 gemalt. Das Gemälde besteht aus Öl auf Leinwand und hat die Maße 33 x 45 cm.
- Wie sieht die Rückseite aus?
Wie sieht die Rückseite aus?
Nach 1945 hat das Gemälde einen neuen Keilrahmen erhalten. Von dem alten zeugt nur noch ein Stück Holz mit der Aufschrift "Friedrich Dresden den 20. Juli 1811".
- Gibt es zeitgenössische Kommentare?
Gibt es zeitgenössische Kommentare?
1811 wurde erstmals über das Gemälde berichtet. Der Dresdener Maler Gustav Heinrich Naeke (1786-1835) sah 1811 zwei Gemälde bei Caspar David Friedrich. Er erwähnte die Gegenstücke in einem Brief an den Leipziger Rechtsanwalt und Kunstsammler Ludwig Puttrich.
Auch Friederike Tugendreich Volkmann aus Leipzig sah die beiden Bilder und beschrieb sie am 22. Juni 1811 in ihrem Tagebuch.
Weiterhin wurden sie 1812, 1813 und 1814 im Journal des Luxus und der Moden erwähnt.
1817 fand die „Winterlandschaft“ sogar einen Eintrag im Brockhaus Conversations-Lexikon, das in Leipzig verlegt wird.
- Wo befindet sich das Gegenstück?
Wo befindet sich das Gegenstück?
Das Gemälde befindet sich in den Staatlichen Museum Schwerin. Das Finanzministerium hatte es 1941 an das Schweriner Museum überwiesen. Die Provenienz ist bislang ungeklärt

- Welcher Sammler ist bekannt?
Welcher Sammler ist bekannt?
Spätestens 1813 befand sich eine „Winterlandschaft“ in der Sammlung des Leipziger Rechtsanwaltes Ludwig Puttrich (1783-1856).
Der Oberhofgerichts-Konsistorialadvokat war nicht nur an Malerei, sondern auch an Baukunst interessiert. Er publizierte 1835-1852 das Werk „Denkmale der Baukunst des Mittelalters in Sachsen“. Puttrich stand mit Caspar David Friedrich in Briefkontakt und tauschte sich mit Kunsthistorikern und -interessierten seiner Zeit aus.
Puttrich Kunstsammlung wurde 1850 in Leipzig, 1856 in London und 1857 in München versteigert. Über den weiteren Weg des Gemäldes ist nichts bekannt. Es wird allerdings spekuliert, dass es nach Schlesien kam.
- Befand sich das Gemälde in einem Schloss in Schlesien?
Befand sich das Gemälde in einem Schloss in Schlesien?
Museumsassistentin Leonie Reygers hatte das Gemälde für das Museum für Kunst und Kulturgeschichte angeblich in einem Schloss in Teplitz in Böhmen erworben. Deshalb wurde 1990 nach dem betreffenden Ort gesucht, allerdings vergebens.2018 kam die Idee auf, es könne sich in einem schlesischen Schloss im Hirschbergtal befunden haben.
Schon im 18. Jahrhundert entwickelten sich diese Region zu einem Sehnsuchtsort für Künstler und naturbegeisterte Reisende. Auch Caspar David Friedrich und sein Malerkollege Georg Kersting waren 1810 hier, wie das Fremdenbuch der Schneekoppe belegen kann. Nachdem Schlesien 1815 preußische Provinz wurde, erwarben die Hohenzollern Schlösser im Hirschbergtal. Der preußische Adel tat es ihnen gleich.
Die Schlösser des Hirschbergtals waren mit wertvollen Gemälden repräsentativ ausgestattet. Befand sich die Winterlandschaft eventuell in Schloss Fischbach, der Sommerresidenz des Prinzen Wilhelm von Preußen und seiner Gattin Prinzessin Marianne? Der Bruder des Königs war ein leidenschaftlicher Kunstsammler. Nach seinem Tod erbten seine Kinder das Schloss. Seine Tochter Elisabeth, die mit dem Landgrafen von Hessen und bei Rhein verheiratet, wollte das Schloss in Andenken an ihre Eltern erhalten. Wie ein Museum konnte es gegen Entgelt besichtigt werden. Ein Augenzeuge berichtete: Im Roten Saal hing ein Gemälde mit einem Wallfahrer bei einem Kreuz. Sollte es sich dabei um die Winterlandschaft handeln? In den Inventaren wird allerdings kein Gemälde von Friedrich erwähnt.
- Wann ist das Gemälde erworben worden?
Wann ist das Gemälde erworben worden?
Im Hochsommer 1941 berichteten zahlreiche deutschsprachige Zeitungen im In- und Ausland über die Aktivitäten in Dortmund: „Dortmund erhält eine Gemäldegalerie. (…) Der Grundstock ist bereits vorhanden.“
Zwar verhinderte der Zweite Weltkrieg die Errichtung eines entsprechenden Gebäudes, aber der Gemäldebestand des Museums wurde um mehr als 20 Gemälde erweitert. Zu den bedeutendsten Neuerwerbungen zählt die „Winterlandschaft“ von Caspar David Friedrich im Jahre 1942. Das Gemälde wurde in der Dresdener Kunsthandlung Paul Rusch erworben. Es kostete 85.000 RM.
- Was ist über den Kunsthändler bekannt?
Was ist über den Kunsthändler bekannt?
Die Kunsthandlung Rusch existierte 1920-1945 an wechselnden Standorten in Dresden. Bei den Luftangriffen im Februar 1945 wurde sie komplett zerstört. Es haben sich keine Geschäftsunterlagen erhalten.
Paul Rusch (gest. 1953) handelte schon in den 1920er Jahren mit Werken von Caspar David Friedrich. Er hatte einen guten Draht zur Dresdener Gemäldegalerie und deren Leiter Dr. Hans Posse (1879-1942). Posse wurde 1939 Sonderbeauftragter für den Aufbau eines gigantischen Kunstmuseums in Linz. Der „Sonderauftrag Linz“ war eine informelle Organisation und Hitler direkt unterstellt.
Der Dresdener Kunsthändler Paul Rusch handelte zwischen 1940-1942 mit der Dortmunder „Winterlandschaft“. Es ist davon auszugehen, dass das Bild zu diesem Zeitpunkt nicht sein Eigentum war, sondern er im Auftrag einer noch unbekannten Person nach einem Käufer suchte. Paul Rusch entdeckte das Gemälde in einer unbekannten Privatsammlung und bot es im Sommer 1940 zunächst dem „Sonderauftrag Linz“ an. Hans Posse lehnte einen Ankauf ab und notierte am 16. August 1940 in sein Tagebuch:
„Rusch mit CD Friedrich, Winterlandschaft mit Kreuz, Dom im Nebel, Mann mit weggeworfenen Krücken; auf Rückseite eigenhändig Friedrich 1811; für uns nicht geeignet.“
Rusch bot es am 16. März 1941 der Nationalgalerie in Berlin an. Die Ankaufskommission lehnte allerdings eine Erwerbung wegen des Preises von 85.000 RM ab.
- Gibt es Repliken?
Gibt es Repliken?
Anfang der 1980er Jahre wurde eine zweite „Winterlandschaft“, ein nahezu identisches Bild, bei Christies von der National Gallery London ersteigert. Zwischen den beiden Gemälden gibt es einige Abweichungen, was dafürspricht, dass keines eine Fälschung ist. Der auffälligste Unterschied besteht darin, dass auf dem Dortmunder Bild das Tor zur Kirche fehlt.
Das Londoner Gemälde soll das Original sein und das Dortmunder Gemälde die Replik.
- Fazit
Fazit
Die Provenienz des Gemäldes konnte bislang nicht geklärt werden. Nachdem die zweite „Winterlandschaft“ bekannt wurde, ist die Provenienz „Sammlung Ludwig Puttrich“ des Dortmunder Bildes in Zweifel zu ziehen. Denn auch das Londoner Gemälde hätte sich dort befinden können.





